Bekehrungen zum protestantischen Christentum in Indien begannen bald nach der Ankunft deutscher Missionare 1706 und wurden fortgeführt in der Hochzeit des Kolonialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das protestantische Christentum brachte die Betonung auf den individuellen religiösen Glauben, gekennzeichnet durch Selbstbeobachtung, Selbstreflexion und ein ‘Wachstum’ des Einzelnen hin zur Vollendung. Die Verschiebung zum individuellen Leben ist wahrnehmbar in der zunehmenden Hinwendung zu verschiedenen Formen der ‘Lebensbeschreibung’, insbesondere der Autobiographie, seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Bekehrungsberichte von Indern wurden in unterschiedlichen Textformen veröffentlicht – ganze Bücher, Heftchen, Traktate, Zeitungsartikel, Briefe und Tagebucheinträge – und dann zur weiteren Verbreitung in Indien und Europa ins Deutsche, Englische oder andere indische Sprachen übersetzt.

Die Konstruktion religiöser Identitäten ist in Indien seit langem politisch und gesellschaftlich bedeutsam, ganz besonders im modernen Indien,Velankanni kamavrksa in dem religiöse Zugehörigkeit, Bekehrung und Identifikation eine direkte Auswirkung auf die Entwicklung des indischen Nationalstaats hatte. Seit der späten Kolonialzeit hat ‘Bekehrungspolitik’ die politische Debatte geprägt und viel beigetragen zur Bestimmung von Religionsgruppen entweder als Unterstützer oder Gegner in der Darstellungen Indiens als nationale Gemeinschaft. Bekehrung spielt beispielsweise eine wichtige Rolle in der Politik zur Kastenidentität und auch bei der Entstehung des Hindunationalismus als einflussreiche politische Ideologie im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Die Einführung von Gesetzen gegen Bekehrung in mehreren indischen Bundesstaaten in den vergangenen Jahren und die kürzlich zunehmenden ‘ghar wapsi’ oder ‘Heimkehr’ Veranstaltungen, koordiniert vom Vishwa Hindu Parishad, zeigen, dass Bekehrung in der gegenwärtigen Politik Indiens eine kritische Angelegenheit bleibt.

Obwohl es in Indien eine lange Geschichte religiöser Bekehrungen gibt, gab es vor dem 18. Jahrhundert keine Bekehrungserzählungen aus der Sicht des sich Bekehrenden. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sind Bekehrungsgeschichte meist als Aussagen von Beobachtern oder Biographen überliefert. Diese Berichte sind hauptsächlich handschriftlich oder als Teile von Texten überliefert, die später in von Missionaren zusammengestellten Büchern gedruckt wurden. Die meisten autobiographischen Bekehrungsgeschichten, die von Bekehrten geschrieben und in gedruckter Form veröffentlicht wurden, entstanden zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts können wir eine andere Verschiebung beobachten, die Veröffentlichung von Bekehrungserzählungen im Internet, wo der geschriebene Text mit audiovisuellen Effekten ergänzt wird. Da unser Fokus gegenwärtig auf dem gedruckten Material liegt, haben wir das Jahr 1947 als Endpunkt für dieses Projekt gewählt.

Map of South India, 1717

Map of South India, 1717

Die ersten protestantischen Missionare in Indien gehörten zur pietistischen Reformbewegung innerhalb der deutschen Lutherischen Tradition. Pietisten strebten eine direkte und innige Beziehung zu Gott an und betonten die Notwendigkeit für den Einzelnen, sich Gott zu unterwerfen. In diesen Kreisen wurde die Schilderung der Bekehrung vom ‘gewöhnlichen’ zum ‘wahren’ Christentum ein Topos in den selbsreflektierenden lutherischen Erzählungen. Frühe autobiographische Bekehrungsberichte von Pietisten in Deutschland werden als Vorlagen für Bekehrungserzählungen deutscher Missionare in Indien und als Vorbilder für frühe autobiographische Bekehrungsberichte aus Indien untersucht. Diese Entwicklung des autobiographischen Schreibens über religiöse Bekehrung bildet einen wichtigen geschichtlichen und ideologischen Kontext für nachfolgende Zeiträume, denn diese Erzählungen gaben den Rahmen vor, in dem Bekehrung in nachfolgenden Jahrhunderten von Bekehrten verstanden und ausgedrückt wurde.

In diesem Zeitraum wurden zahlreiche autobiographische Berichte von Bekehrten in unterschiedlichen indischen Sprachen geschrieben und veröffentlicht. Sie wurden in verschiedenen Formen verbreitet: Als offiziell gedruckte Autobiographie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Heftchen in Eigenproduktion als Erbauungsliteratur für das einfache Volk, gedruckte Artikel in regionalen oder nationalen Zeitschriften, Briefe und Tagebucheinträge, die später als Teil von Biographien veröffentlicht wurden. Viele kürzere Berichte wurden als Traktate verbreitet, um bei den Lesern Interesse am Christentum zu wecken. Diese Berichte wurden manchmal auf Englisch verfasst, Texte in indischen Sprachen wurden für eine weitere Verbreitung ins Englische übersetzt.

Aaron

Aaron

Die Zahl protestantischer Autobiographien aus dieser Zeit, in deren Zentrum das individuelle Bekehrungserlebnis steht, legt nahe, dass ab dem späten 19. Jahrhundert viele protestantische Bekehrte ihr neues religiöses Bewusstsein textlich in kulturell anerkannten erzählenden Formen wie die der Autobiographie darstellen wollten. Wir beabsichtigen, den Übergang und die Neuorganisation religiöser und gesellschaftlicher Identitäten zu untersuchen, die in den Verschiebungen in Sprachgebrauch und Literaturgattungen Ausdruck finden.

Marathi Bible title page

Marathi Bible title page

Bekehrungsberichte liegen in mehreren indischen Sprachen vor, manche davon wurden wiederholt in andere indische oder europäische Sprachen übersetzt. Es gibt mehrere Gründe für die Entscheidung, uns hier auf Tamil und Marathi zu konzentrieren. Erstens waren beide Sprachen in unserem Untersuchungszeitraum, als Verschriftlichung, Übersetzung und Druck sich rasch entwickelten, Hauptsprachen der Madras bzw. Bombay Presidency. In beiden Sprachen existieren auch wesentliche Bekerungserzählungen, eine Bandbreite von Dokumenten aus verschiedenen Zeiten.

Tamil bible title page

Tamil bible title page

Zweitens war Tamil die erste Zielsprache für Übersetzungen protestantischer Missionare, begleitet von einer Geschichte des Buchdrucks, die bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück reicht. Tamil ist auch die einzige indische Sprache, aus der seit dem 18. Jahrhundert ins Englische und Deutsche übersetzt wurde.

Drittens sind die Materialien in Marathi eng mit der Arbeit der Schottischen Missionsgesellschaft verbunden, deren Briefwechsel und Manuskripte in der Schottischen Nationalbibliothek und der Universitätsbibliothek Edinburgh aufbewahrt werden, wo dieses Projekt angesiedelt ist. Möglicherweise wurden ein paar Texte zwischen Tamil und Marathi übersetzt, üblicher war es jedoch, Bekehrungserzählungen ins Englische zu übersetzen. Die Bekehrungsberichte, die wir in diesem Projekt untersuchen, können in jeder beliebigen der vier Sprachen des Projekts verfasst und in mindestens eine andere übersetzt worden sein.

Gesellschaftliche, politische und intellektuelle Umorientierungen in Südasien ab dem 18. Jahrhundert bedeuteten für den Einzelnen Veränderungen in vielen Bereichen des Lebens, einschließlich des spirituellen Bereichs, was oft erforderte, einen neuen Wortschatz zu entwickeln, um die Veränderungen zu beschrieben. Verfasser von Texten in Tamil und Marathi entlehnten oft Begriffe aus dem Sanskrit oder Englischen, um einen neuen Wortschatz zu bilden. Wir beabsichtigen, die Auswahl der speziellen religiösen Terminologie zu untersuchen, wenn Bekehrungsberichte ins Deutsche und/oder Englische oder zwischen Marathi und Tamil übersetzt werden. Wir werden auch untersuchen, wie die Verschriftlichung und Übersetzung von Bekehrungsberichten christliche Konzepte einer indischen Öffentlichkeit vermittelte und in welchem Umfang Bekehrung zum Christentum in den drei Sprachen unterschiedlich ausgedrückt wurde.